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(a)soziale Medien, Netzwerke und ganz viel Teilen! Kann ja nicht schaden, oder doch?

Fast die hälfte der Weltbevölkerung nutzt inzwischen digitale Medien zur Kommunikation, auch Social Media genannt. Während die meisten von uns sich in Ihrer Meinung dazu zwischen dem bewegen was Ihnen die Betreiber dieser Dienste erzählen und dem was die klassischen Medien darüber berichten, gibt es auch extremere Meinungen. Junge Digital Natives und Influencer auf der einen Seite, Verschwörunstheoretiker und Fanatiker auf der anderen. Irgendwo dazwischen stehen noch die Datenschützer und Wächter des Verbraucherrechts. In diesem Post, anhand eines fiktiven Briefes, gehe ich auf die Möglichkeiten und noch mehr auf die Risiken der omnipräsenten Datenverbreitung ein.

Sehr geehrter Herr Salzgebirge,

vielen Dank für die Einladung zur Nutzung Ihres schwarzen Bretts. Hier im Anhang meine Kontaktdaten inklusive Postadresse und Telefonnummer, damit Sie mich auch wirklich immer erreichen können. Außerdem habe ich gerne noch alle relevanten Daten aus meinem Lebenslauf angehangen, da Ihr Vordruck das ja so vorsieht. Ihrem Geschäftspartner Wilhelm Tor und Anderen habe ich auch schon die gleichen Informationen mehrfach zukommen lassen. Außerdem bat mich Ihr Bekannter Herr Tom Hahn darum, doch bitte minütlich meinen Puls zu erfassen und ihm diesen samt meiner ungesunden Essgewohnheiten zu übermitteln. Dem komme ich ebenso gerne nach, damit ich kurz vorm Umfallen nochmal auf die Uhr gucken kann, die mir dann sagt, dass ich gleich umfalle. Dem gleichen Herrn lasse ich ohnehin schon sekündlich zukommen, wo ich mich gerade befinde, der kennt sich offensichtlich damit aus, wie man mit solchen Datenmengen gut umgeht! Ich bin mittlerweile schon froh, wenn ich ohne Hilfsmittel noch den nächsten Supermarkt finde. Aber wozu auch; kann ich ja bei Herrn Georg Benzol auch alles bestellen und liefern lassen. Ich schweife ab. Ich wollte Ihnen nur nochmal dafür danken, was Sie alles für mich tun! Besonders großartig finde ich, dass ich ihnen nun nicht nur meine Bilder senden darf, sondern dass Sie für mich gleich noch die Namen der Personen darauf ergänzen. Weil meine 500 Millionen Verwandten und Freunde das Gleiche tun, wollte ich fragen, ob Sie mir zum Abgleich eventuell Ihr Bilderalbum mit allen zuvor genannten Daten der einzelnen Personen darauf zukommen lassen könnten? Ich würde mich dafür auch angemessen revanchieren *Zwinkersmiley*

Mit freundlichem Gruß
Joachim Bleiber

P.S.: Mein Bewegungsprofil nur mit einer Partei zu teilen scheint mir dann doch zu unsicher zu sein. Sicherheitshalber gebe ich dieses ab jetzt noch dem Unternehmensleiter der Buchstabierwettbewerb AG. Das sind die, die auch diese künstlichen Kampfhunde bauen. Die kennen sich aus!

Wer diesen fiktiven Brief noch 1990 gelesen hätte, hätte vermutlich darum gebeten den Verfasser möglichst schnell einweisen zu lassen. Im Jahr 2021 ist der geschilderte Tathergang, bis auf das unmoralische Bestechungsangebot (hmm?), für uns alle Gang und gebe und wird auch gar nicht mehr in Frage gestellt. Im Gegenteil: Wer sich heute digitalen Netzwerken entzieht, ist Außenseiter. Solang das Ego groß genug und das eigene Geltungsbedürfnis nicht Überhand nimmt, kein Problem. Anders sieht es bei Menschen im biologischen Alphastadium aus: Wer da nicht bei TikTok ein Video teilt auf dem er/sie/es fröhlich singt, tanzt und klatscht, darf bei Kevin-Chantals nächster Geburtstagsparty nur von draußen zusehen.

Auch blöd ist, wenn man nicht in Deutschland, sondern in der Mitte Asiens z.B. als Uigure geboren wurde. Dann teile ich nämlich genau zweimal meinen digitalen Koran mit einem Freund oder einer Freundin und schon habe ich ein Ticket ins Internierungslager gewonnen. Vermutlich gibt es dort selten Pizza und die Aussicht ist recht trübe. Berichte ehemaliger "Gäste" lassen nichts Gutes vermuten.

Jedem sollte einfach klar sein, dass sämtliche Daten die digital geteilt werden auf leichtem oder schwierigerem Weg auch Parteien zur Verfügung stehen, denen sie nicht zur Verfügung stehen sollten. Natürlich kann der Deutsche Durchschnittsbeamte aktuell gerade so ein Dokument richtig herum in den Scanner legen, aber unser BND ist da schon weiter und hat in den letzten Jahren auch sehr viel von seinen Freunden gelernt oder lernen müssen.

Aber NOCH darf jeder hier in der westlichen Hemisphäre (fast) alles Sagen und Teilen was er/sie/es will, auch wenn es die Information ist, dass durch eine Impfung ein 1cm großer Chip in die Blutbahn gelangt und irgendwie auch dort verbleibt. Alles nur für ein bisschen Aufmerksamkeit und um Andere mit noch weniger Wissen zu verunsichern und auf die Straße zum Schimpfen zu schicken.

Auch nett ist, wenn durch geschickte Verdrehung der ein oder andere Politiker (egal ob man die nun mag oder nicht) mit halbwegs akkuraten Ansichten, sich freiwillig beim erheben seines Stinkefingers ablichten lässt. Peng, Karriere vorbei! Er hatte nicht bedacht, dass sich das Bild jederzeit aus dem Kontext ziehen und anders intepretieren lässt. Otto von Bismarck und Karl Marx drehen sich kurz in ihren Gräbern um und kichern dabei leise... (Anm.d.Red.: beiden wird inzwischen oft vorgeworfen rassistisch und aus heutiger Sicht in vielen Punkten menschenfeindlich gewesen zu sein. Damals aber kein Problem, wurde ja nicht geteilt.) Und der Stinkefinger ist nun auch schon wieder einige Jahre her. Heute kann ich jeden Politiker alles sagen lassen, was ich will. Das wird noch lustig werden!

Ich habe keinen Vorschlag wie es besser funktionieren könnte, mich selbst offensichtlich auch nicht allen Netzwerken entzogen und bin überhaupt sehr gespalten in meiner Meinung, was die digitale Kommunikation betrifft. Trotzdem hoffe ich vielleicht den ein oder anderen Schmunzler provoziert und zum weiteren Nachdenken angeregt zu haben. *Hashtag* Hashtag.

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